Архангелиты - дети Немецкой слободы
Хроники старинного рода Пецъ (Paetz), малоизвестные страницы истории с XIV века по сегодняшний день
Светлой памяти Евгения Петровича Божко, историка-исследователя
Die Familie Carr
FAMILIENNACHRICHTEN
FISCHER
( M A S С H E N )
Schulz, Kruger, Schmidt, Alpen, Lindes, des Fontaines, Paetz, Clafton, Outzen, Brown, van Dyk, van Nimwegen, Gernet, van Brienen, de st.Valery
AUSGABE 22.Dezember 2009 (42F28) / FRANKFUR T AM MAIN
Liebe Familie, liebe Freunde, schon wieder ist ein Jahr seit der letzten Ausgabe vergangen. Gerne wurde ich haufiger etwas uber die Familie schreiben, aber die Zeit rinnt unerbittlich dahin. Naturlich muss es auch etwas zu schreiben geben und so ist naturlich auch viel Zeit fur das Suchen von neuen Informationen notig. Einiges an Zeit hatte ich dieses Jahr der Familie Lindes gewidmet, um endlich einen Durchbruch zu erzielen, aber bis auf einige kleinere Fortschritte blieb dieser aus.
Bevor wir aber zu Thema dieser Ausgabe kommen, mochte ich auch an dieser Stelle nochmals Krista Maja Fischer zu Ihrem 70. Geburtstag am 9.November gratulieren. Vor allem wunsche ich weiter viel Gesundheit und Neugierde auf Neues.
Die heutige Ausgabe mochte ich uber die Familie Carr schreiben. Ganz wesentliche Inhalte beruhen auf Informationen von Teddy Carr, den ich immer sehr geschatzt habe und der mich mit seiner Frau Marjorie immer bei meinen Besuchen in England freundschaftlich empfangen hat.

Viele von uns sind mit der Carr Familie durch die Hochzeit von Ella Schmidt, der Schwester von Ernst Nicolai Schmidt, mit Archibald Lambton Carr am 18.11.1898 verbunden.
Die Carr Familie gehort zu den Familien, die nicht sehr lange in Russland waren. Erster Carr in Russland war George Carr, der im November 1836 in Kronstadt starb. Vor George lasst sich die Familie noch 4 Generationen in England, zumeist in Hexham, zuruck verfolgen.
George Carrs Sohn, Matthew Carr, wurde bereits in St.Petersburg geboren. Er heiratete Phoebe Lambton, deren Familiennamen weitere Carr Generationen als Mittelnamen fuhrten.
Deren Sohn Henry Lambton Carr kam schliesslich in St.Petersburg als Borsenmakler zu einigem Vermogen. Verheiratet war er mit Mary Antoinette Chamot, die einer wohlhabenden Frankfurter Familie franzosischen Ursprungs entstammte. Zu deren Vorfahren zahlte untern anderem die Familie von Schweitzer, die an prominenter Stelle der Frankfurter Hauptgeschaftsstrasse, der Zeil, ein Palais besass, welches von dem bekarmte Baumeister Nicolas de Pigage errichtet wurde. Selbst Goethe war von dem Gebaude beeindruckt. Der Musiksaal uberstieg in seiner Grosse alles fur ein Privathaus Ubliche.
Ein Deckengemalde im Treppenhaus stellte unter anderem den alten Hausherren Franz Maria von Schweitzer in weissem Hausrock und mit Zipfelmutze dar. An den mittig zu sehenden Obelisken heftet ein vom Olymp herabschwebender Merkur die Initialien „FMS» an einen Obelisken. 1827 verkauften die Erben das Haus. Bismarck hatte sich mehrfach dafur eingesetzt, das Haus fur die preussische Gesandtschaft zu erwerben. Es wurde jedoch schliesslich zum Hotel „Russischer Hof. Das Hotel beherbergte unter anderem Kaiser Wilhelm I. Er hatte ausserdem im Freskosaal des Hauses sein Hauptquartier fur die Besatzungsarmee in Baden 1849 aufgeschlagen. Regelmassiger Gast war der Prince of Wales, der spatere Konig Edward VII, der am Springbrunnen seinen Nachmittagstee einzunehmen pflegte. Er war ein regelmassiger Besucher der Frankfurter Oper.

1888 wurde das Gebaude abgerissen und an dieser Stelle das Hauptpostamt errichtet, welches wiederum in den 2000er Jahren einem Einkaufszentrum wich. Die architektonisch schonsten Teile des Hauses hat der Fotograf Johannes Wesselhoeft bei einem Sommeraufenthalt bei den Chamots in Niederwalluf 1889 aufgenommen. Dort im Hause stand auch das Klavier, auf demschon Franz Liszt gespielt hatte. Die Bilder sind im Wesselhoeft-Archiv verwahrt.
Henry Carr plante immer, im Alter nach England zuruckzukehren. Er freute sich auch bereits darauf. Als die Revolution ausbrach, war dies fur ihn Anlass genug, den Plan endlich umzusetzen. Als er bei seiner Bank jedoch seine Guthaben nach England tiberweisen wollte, teilte man ihn trocken mit, dass sein Geld nun dem kommunistischen Staat gehore. Er wurde zu einem vollig deprimierten Mann und pflegte noch auf der Flucht der Familie an Bord der SS „Kut» 1919, bei der auch Edwin Schmidt dabei war, zu sagen, dass es das Beste ware, wenn das Schiff kentern wurde und sie alle ertranken. Trotzdem uberlebte die ganze Familie die Uberfahrt. Henry war jedoch im Alter auf die Unterstutzung seiner Schwester Amalia Carr, die in Edinburgh lebte, angewiesen.
Sein Sohn, der in St.Petersburg geborene Archibald Lambton Carr, war Geschaftsfuhrer der Sagewerke der englische Firma Chas. Stewart & Co. in Archangelsk, mit Niederlassungen in Onega, Kovda und Soroka. Archibald lebte mit seiner Familie auf Moses Island (der Name soil von einem Besuch von Zar Peter I. herrtihren, der die Insel mit den Worten „Moi sey Ostrov» (Mein ist die Insel) betrat. Die Englander machte aus „Moi sey» kurz „Moses»).
Um 1913 herum wurde das Sagewerk weiter nordlich Richtung Flussmiindung verlegt, um auch grosseren Schiffen die Moglichkeit zur Beladung zu bieten. Die Familie und das Buro zogen daraufhin in die Stadt nach Archangelsk. Archibald liess sich dort einen offenen Kamin einrichten, was den Anwohnern sehr merkwtirdig erschien. Wozu sollte man einen Teil der Wand einreissen, um dann anschliessend den Raum mit Qualm zu fullen? Die russische Art des Heizens per Ofen heizte das Haus ja schliesslich ausreichend.

Anders als das Haus auf Moses Island, das neben dem einzigen Gras-Tennisplatz in Archangelsk auch uber ein halbes Dutzend Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Huhner, ein Rennpferd mit Namen „Turbulent» und sogar 3 kleine Baren (die als sie grosser wurden aber in den Zoo mussten) verfugte, hatte das Stadthaus nur Platz fur 2 Pferde und ein paar Huhner. Dafur hatte das Haus aber einen Eiskeller. Kurz vor Beginn des Tauwetters wurden grosse Eisblocke aus der Dvina geschlagen und in den Keller gebracht, wo sie halb im Boden vergraben wurden. Dies war ausreichend, um den Raum in vergleichsweise kurzen Sommer kuhl zu halten, das Eis taute nicht vollstandig. Da die Familie Carr die einzige Familie anglikanischen Glaubens in Archangelsk war, mussten die Taufen der Kinder von einem eigens aus St.Petersburg angereisten Geistlichen vorgenommen werden.
Auf einer Geschaftsreise von St.Petersburg nach Archangelsk, damals immerhin eine Zugfahrt von ca. 36 Stunden, langte Archibald am Bahnhof an, wo eine grosse Menschenmenge den Bahnsteig blockierte. Um seinen Zug zu erreichen, musste er sich durch die Menge drangen. Die Menschen schienen einen grossen bartigen Mann verabschieden zu wollen. Dieser druckte allen vorbeikommenden die Hand zum Abschied, so auch Archibald, als er versuchte in den Zug zu gelangen, anscheinend in dem Glauben, dass er ebenfalls gekommen sei, ihn zu verabschieden. Bei dem Mann mit den ubergrossen Handen handelte es sich um Rasputin, den Monch, der so starken Einfluss auf die Zarin ausgeubt hatte und nun im gleichen Zug in seine Heimat nach Sibirien zuruckkehren musste. Wahrend der ersten Phase der Revolution gelang es Archibald, sein Haus mit Verweis auf den Status als Englander von Plunderungen zu verschonen. Spater, als jedoch die Polizei aufgelost und durch Milizen ersetzt wurde, wurde nachts eingebrochen und manches gestohlen. Zu einem spateren Zeitpunkt kamen die Roten Garden in Archibalds Biiro und verlangten die Geldreserven der Firma. Archibald offhete den Safe, verwahrte dort aber nur kleine Betrage, was den Bewafmeten nicht reichte. Sie verlangten einen Scheck auf die Firma bei der Bank. Archibald behauptete, dass die Schecks in seinem Privathaus seien. Mit aufgepflanzten Bajonetten fuhrten sie ihn uber die HauptstraBe Troitsky Prospekt dorthin. In einem unbeobachteten Moment gelang es ihm in seinem Haus jedoch zu entkommen und uber die Veranda und mit einem beherzten Sprung in den Garten zu fliehen. Er konnte sich in das Haus des norwegischen Konsuls Falsen retten.


2 Tage spater landeten die Alliierten Truppen in Archangelsk und die Roten Garden flohen. Viel englisches Armeepersonal verkehrte nun im Haus. Nach dem Ende des Krieges an der Westfront entschlossen sich die Alliierten jedoch, ihre Truppen zuruckzuziehen. Die Alliierten boten jedoch den Carrs und anderen an, mit ihnen Archangelsk zu verlassen. Als Admiral North Archibald fragte, was er mit seinen Sachen zu tun gedenke antwortete er, dass er wohl alles zurucklassen musse. „Unsinn» war die Antwort. Alles sollte in grosse Kisten verpackt Werden Und auf das VerSOrgungSSChiff der Marine verladen werden. So konnten wenigstens einige Dinge gerettet werden. Nach der Ankunft der Familie in Avonmouth in England fuhren sie zunachst nach London, wo sie im Queen’s Hotel wohnten, bis der Vater schliesslich ein Haus in Upper Norwood, 4 Beulah Road, kaufte. Die Kisten mit dem Mobiliar blieben aber zunachst verschwunden. Archibald arbeitete wieder bei seiner alten Firma Chas. Stewart & Co., bei der er seit jungen Jahren war. Nach vielen Wochen kam dann doch eine Nachricht, man moge die Kisten an den Chatham Docks abholen. Zumindest einen Teil der 10 Zimmer des groBen Hauses konnte man damit einrichten. Auch einen Gras-Tennisplatz gab es wieder. 1929 starb Archibald.

Von seinen Kindern Henry, Ella, Gladys und Edward wollen wir uns zunachst. dem Altesten zuwenden. Henry Lambton «Наггу» Carr wurde am 28.11.1899 in Archangelsk geboren. Unter den Auslandern in Archangelsk war es damals гblich, nicht nur mehrere Gouvernanten aus verschiedenen Landern zu beschaftigen, meistens aus England, Frankreich und Deutschland, um den Kindern die Sprachen beizubringen, sondern die Kinder auch ab einem gewissen Alter auf Schulen in den Herkunftslandern zu schicken. Harry besuchte die Schule in Haileybury in England, wo er auch Kapitan des Rugby-Teams war. Bei Ausbruch des Krieges 1914 kehrte er erneut dorthin zurгck. Sein Vater begleitete ihn noch bis St.Petersburg, dann musste er alleine гber Finnland, Schweden und Norwegen und dann mit dem Schiff nach Hull in England reisen. Von dort nahm er dann den Zug. Er sollte seine Familie fur bald 4 Jahre nicht wieder sehen und die Ferien bei Tante und Onkel in Epsom, spater bei Archibalds Schwester Emily Carr in Uppingham , die mit dem Schulleiter Edward Feild verheiratet war, verbringen.
Harry wartete auf eine Gelegenheit, zu seiner Familie zuruckzukehren. Diese schien gekommen, als sich die englische Regierung entschloss, nach der Russischen Revolution eine Einheit von zunachst 130 Marinesoldaten unter Generalmajor C.Maynard als „North Russian Expeditionary Force» (NREF) in den Norden Russlands zu entsenden, zunachst um die grossen Materiallager, die die Alliierten der zaristische Regierung zur Unterstutzung geliefert hatten zu schutzen. Die Truppe landeten in Murmansk zunachst mit Trotzkys Einverstandnis. Auch der amerikanische President Wilson bewilligte den Einsatz von 150 amerikanischen Marines. Am 1. August 1918 lief schliesslich eine grossere Flotte unter dem Kommando von General Poole in Archangelsk ein, woraufhin die Bolschewisten aus der Stadt flohen. Auch weitere 4500 Amerikaner verstarkten die etwa 6300 Mann starken britischen Truppen. Der neue britische Kriegsminister Winston Churchill setzte sich fur eine veranderte Aufgabenstellung der Truppen ein: War zunachst beabsichtigt, das Ausscheiden der Russen aus den Krieg zu verhindern, setzte sich Churchill nun dafur ein, die bolschewistische Revolution ganz ruckgangig zu machen. Da er trotz seiner reisserischen Parlamentsreden fur diesen Kurs keine Mehrheit fand, wurde der Einsatz der NREF von Gegnern auch als „Mr. Churchill’s private war» bezeichnet. Lloyd George hielt das ganze fur ein „verrticktes Unternehmen». Trotzdem stieg die Truppenzahl im russischen Norden auf insgesamt 18.400 Mann an.
Einer von ihnen war Harry Carr, der 1919 in Murmansk eintraf. Er hatte es geschafft, sich als Ubersetzer anwerben zu lassen und wurde dem Stab von General Maynard zugeordnet. Archibald Lambton Carr gelang es jedoch, den neuen Befehlshaber der NRA, General Ironside, davon zu uberzeugen, seinen Sohn nach Archangelsk zu versetzen und so kam die Familie endlich wieder zusammen.
Oberst Fitzwilliams, der regelmassig bei der Familie zu Gast war ging jedoch noch weiter und verlangte, dass auch die Schwestern und der 15jahrige Sohn Teddy in den Dienst der Armee traten, da alle Arzte Briten waren, die Krankenschwestern aber ausschliesslich Russinnen und kaum
Ubersetzer zur Verrugung standen. Fur Teddy Carr waren dies aufregende Tage, durfte er
doch mit den Offizieren in der Offiziersmesse essen. Den Truppe setzte die ungenugende
Winterausrustung, die vielen Miicken im Sommer und schliesslich die Spanische Grippe
1918 sehr zu. Teddy Carr erinnerte sich an die langen Reihen von Sargen, die durch Archangelsk getragen wurden. Als der Krieg an der Westfront schliesslich beendet war, wurde das Murren in der Truppe immer grosser. Am 27.September 1919 entschied man schliesslich, die NREF aufzulosen und die Truppen zu evakuieren. Die Familie Carr verliess Archangelsk, wie oben schon beschrieben, zusammen mit den englischen Truppen. In England waren Harry Carr’s Aussichten nach der Demobilisierung zunachst begrenzt. Er hatte zwar Schreibmaschine schreiben und Stenografie gelernt, aber zunachst schien ihm das nicht zu helfen.

Bis sein Vater in einem Club in London den vormaligen britischen Vizekonsul in Archangelsk George Wiseman traf, der vorschlug Harry korme Ubersetzer bei der britischen Botschaft in Helsinki werden. Das Vorstellungsgesprach in Charing Cross wurde von Riley Le May und Commander Ernest Boyce gefuhrt. Harry wusste nicht, dass Boyce wahrend des Krieges Vertreter des Secret Intelligence Service (SIS) in Russland war. Auch als er Mansfield Cumming („С») in dessen Buro in Whitehall Court vorgestellt wurde, fiel Harry zunachst nichts auf. Harry Carr ging auf „C»‘s Angebot ein und wurde zunachst damit beschaftigt, Agentenberichte aus Russland in einem Hinterzimmer der Passabteilung der Botschaft zu ubersetzen. Erst nach einigen Tagen wurde ihm die wahre Natur seiner Aufgaben klar. 1925 endete schliesslich eine Aktion des britischen Agenten Reilly von Helsinki aus, die von den Sowjets unterwandert war, in Russland mit dessen Tod. In der Folge wurde Commander Boyce von Cummings Nachfolger Sinclair nach Tallinn versetzt und Harry Carr dessen Nachfolger in Helsinki. Harry Carr entwickelte in dieser Zeit auch gute Kontakte zum finnischen Geheimdienst. Von Vorteil war hier, dass er fliessend russisch und schwedisch sprach und ein aussergewohnlich guter Tennisspieler war. Harry Carr sagte im Gegensatz zum britischen Militarattache in Helsinki Oberstleutnant Vale, der, wie Stalin, einen Sieg der Sowjets im Krieg gegen Finnland binnen einer Woche vorhersagte, voraus, dass die Sowjets nicht gewinnen konnten und hohe Verluste erleiden wurde. Dies traf genauso ein und begrundete zusammen mit den mitgelieferten genauen Zahlen und militarischen Details Harry Carr’s Ruhm. Harry Carr gelang es zudem vom finnischen Geheimdienst den Geheimcode der Sowjets zu erhalten. So konnte er nun eine Flut von genauen Informationen nach London liefern. Nach zahen Widerstand musste Finnland am 13.3.1940 aber doch einem Waffenstillstand zustimmen.

Harry Carr gelang es in der Folge eine weitere wichtige Information von einem finnischen Geheimdienstoffizier zu erhalten, die ihm einen Platz in der Geschichte des SIS sicherte: Deutschland wurde die Sowjetunion im Fruhling 1941 angreifen.
Als die Vorhersage im Juni 1941 eintraf und Finnland sich mit Deutschland verbundete, musste die britische Botschaft in Helsinki schliessen und Harry Carr wurde zusammen mit alien anderen Botschaftsmitgliedern nach Stockholm versetzt. Von dort besuchte Harry Carr einmal jahrlich seine Familie, indem er im Bauch eines „Mosquito» Bombers nach England flog. Bereits wahrend des Krieges versuchte sich der SIS im Aufbau eines Agentennetzes in den baltischen Landern. Harry Carr war hier ebenfalls an fuhrender Stelle tatig. Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde dieses Agentennetz in der Sowjetunion ausgebaut. In der Zwischenzeit waren die Sowjets jedoch ebenfalls nicht untatig. In der Burgess-Maclean Affare 1955 wurden mehrere sowjetische Agenten in den britischen Nachrichtendiensten enttarnt. Das Agentennetz in den baltischen Landern wurde verraten, zunachst ohne dass dies in London bemerkt wurde. Dann wurde auch der Agent Kim Philby enttarnt. Harry Carr hegte spater eine tiefe Verachtung fur Philby. Dieser war wohl mit fur die Enttarnung des Netzwerkes verantwortlich, Philby verneinte dies, Harry Carr vermutete es. Harry Carr arbeitete noch bis 1961 in seiner Position, bevor er sich aus dem SIS, dem spateren MI6 zuruckzog.
Er erhielt fur seine Leistungen die Orden LVO (Lieutenant of the Victoria order) und — fur Geheimdienstmitarbeiter sehr ungewohnlich -CMG (Companion of the order of St.Michael und St.George). Letzterer wurde ubrigens — und das sein hier ausdrucklich mit einen Augenzwinkern vermerkt — auch (fiktiv) an James Bond in „Liebesgrusse aus Moskau» verliehen. In einem Nachnif in der „Times» vom 22.3.1988 wird er als „sehr verschlossener und verschwiegener Mann» geschildert, „dessen Geschafte nur den engsten Kollegen bekannt waren». Sein „akribischer Sinn fur Geheimhaltung war sprichwortlich», so die „Times» weiter. Selbst als Vertreter seiner alten „Firma» Harry Carr in hohem Alter besuchten, um noch bestehende Lucken in den Unterlagen zu fullen, wie dies von Tom Bower in seinem umstrittenen Buch „The Red Web» beschrieben wird, trafen sie auf eine Wand hoflichen Schweigens.
Harry’s jungerer Bruder Edward Lambton Carr, den ich noch personlich kennen lernen durfte, war im Schifffahrtsgeschaft tatig. Aus diesem Anlass kam er auch lange Zeit einmal jahrlich nach Hamburg zum grossen Eisbeinessen der dortigen Reeder und Schiffsmakler. Zu diesem Anlass hat er sich dort auch mit seinen Cousinen Asta Jokiel und Martha Fischer, meiner Grossmutter, getroffen. Gerne haben die drei bei diesen Anlassen an ihre Kindheit in Archangelsk zuruck gedacht. Obwohl das Leben dort nicht einfach war, die Winter waren lang und kalt und die Ernahrung fokussierte sich ganz wesentlich auf Fisch, Kohl und Wild, so gab es doch fur die Kinder auch viele Freiheiten. Abwechslung in Speiseplan brachten die heiss ersehnten Ankunfte von Schiffen aus England in Sommer, die auch Schokolade und Bananen brachten. Da die Spielkameraden meistens russische Kinder der Angestellten waren, wurden auch eine englische und entweder eine franzosische oder deutsche Gouvemante beschaftigt, um die heimatlichen Sprachen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Die Insel konnte zuweilen auch recht einsam sein, da es keine Brticke gab und der Fluss so wahrend der Zeit des Eisgangs nicht uberquert werden konnte. Hinzu trat, dass die Insel beim Eisgang haufiger uberflutet wurde. Im Sommer konnte man nur per Ruderboot ans Festland gelangen. Im Winter fiel der Schnee bis 1,5m hoch und die Kinder bauten ausgedehnte Schneefestungen. Als die Familie, wie erwahnt, spater in die Stadt umzog, veranderte sich das Leben. Noch immer gab es 6 Hausangestellte, die zwar freie Kost und Logis hatten, aber ansonsten schlecht bezahlt waren. In der Stadt hatte die Familie deutlich weniger Tiere. Die Angestellten verwohnten die Kinder uber alle Massen. So kam, wenn ein Kind nicht schlafen konnte, ein Kindermadchen und setzte sich ans Bett, bis es wieder eingeschlafen war. Die Kindermadchen badeten, wuschen und trockneten die Kinder auch bis in jugendliche Alter ab. Auch das Schamverstandnis war ein anderes: Teddy beschrieb, dass die Manner und Frauen in getrennten Gruppen nackt in Fluss badeten. Dass die Westeuropaer in gemischten Gruppen in Badenkostumen badeten, empfanden die russischen Einwohner als unschicklich.
Der Winter wurde mit Eishockey, Eissegeln, Schlittschuhlaufen und Skilanglauf uberbruckt. Um die Kalte aus den Hausern zu halten, wurde sie in mehreren Hullen gebaut, so dass 3 Eingangtiiren hintereinander lagen, jeweils mit einigen Schritten Zwischenraum. Da fast alle Hauser aus Holz waren, war die Brandgefahr enorm.
Spater hatte ich die Gelegenheit, Teddy und seine Frau Marjorie durch die Vermittlung meiner Grossmutter kennen zu lernen. Bei einigen Besuchen, die ich in ihrem Haus „Domik» in Old Windsor machen durfte, war ich immer wieder von ihrer Freundlichkeit und Gastfreundschaft uberwaltigt. Besonders in Erinnerung blieb mir, als ich auf dem (Teddy,Antony,Marjorie&David Carr 1993) Hohepunkt der BSE Hysterie bei Teddy und Margorie ein grosses englisches Steak serviert bekommen habe. Interessanterweise spricht heute niemand mehr uber BSE und vielleicht hat man in hoherem Alter einfach schon so vieles kommen und gehen sehen, dass sich ein etwas anderer Blickwinkel ergibt (wer wird sich in 2 Jahren noch an die Schweinegrippe erinnern? Wie war das doch gleich mit SARS und der Vogelgrippe/Huhnerpest ?) Ich war zuvor bereits 3 Monate in Manchester gewesen und so kam es auf ein gutes Steak mehr oder weniger auch nicht an. Sogar zu seinem 90.Geburtstag lud mich Teddy zusammen mit meiner spateren Frau Stefanie Klarner ein.

Hier hatte ich auch Gelegenheit, mit Teddy’s altem Freund Rainer Parow zu sprechen, der der Austauschschuler von Dagmar Clafton war und so Teddy kennen lernte und der mir noch ein paar Anekdoten erzahlte: So zu Beispiel, dass sich Teddy und Marjorie beim Tanzen naher gekommen sind und dass Teddy am liebsten Tango tanzte. 1933 waren Teddy und Marjorie zum Tanzen im Crystal Palace. Die beiden entdeckten, dass auch Stummfilmstar Rudolph Valentino unter den Gasten war. Wahrend des Tanzens stiftete Marjorie Teddy an, Valentino anzurempeln, um mit ihm ins Gesprach zu kommen. Valentino entschuldigte sich fur seine Ungeschicklichkeit artig.
Teddy trank auch besonders gerne Gin Tonic. Einmal ist er uber eine Feuerleiter aus Marjories und seinem Hotelzimmer geklettert wahrend sie schlief, um mit Freunden an der Bar feiern zu konnen. Als Schiffsmakler war er auch im Prufungsausschuss vertreten und dem Wasser insgesamt verbunden. Er ruderte gerne und viel mit seinem Freund Gibb auf der Themse an deren Ufern sein Haus „Domik» direkt lag. Durch die Gartenpforte konnte man den schmalen
Uferweg tiberqueren und war gleich am Fluss. Teddy war Mitgrunder des ortlichen Rudervereins und zeitweise auch der Vorsitzende. Einen Ftihrerschein fiir ein Auto hat er jedoch nie besessen. Bei einem langen Spaziergang am Fluss und in der Nachbarschaft erzahlte er mir auch von Elton John, der einmal in der Nachbarschaft gewohnt hatte und von seiner Einladung zur Gartenparty in Buckingham Palace. Im Haus von Teddy und Marjorie hing nicht nur das Bild mit den 3 Baren an der Wand, sondern auch ein Gluckwunschtelegramm von Konigin Elisabeth II zur Diamanten-Hochzeit (70 Jahre). Naturlich habe ich auch seine Trauerfeier nicht versaumt, doch ich muss sagen, dass mich die Nachricht von seinem Tod sehr traurig gestimmt hat. Ich habe einen Freund verloren. Unglaublich optimistisch fand ich dann den Umgang seiner Familie mit seinem Tod, wurde doch an sein erfulltes, schones Leben erinnert und uber gemeinsame Erlebnisse mit Teddy berichtet. Das war wirklich viel positiver (so man dies bei einem solchen Anlass sagen kann) als all die schwermutigen Feiern, die ich bis dahin hierzulande erlebt habe.
Naturlich geht die Geschichte seiner Familie noch weiter; seine Sohne leben in England und deren Kinder in England wie in Frankreich. Nachfahren in Archangelsk gibt es aber keine und so ist diese so interessante Episode der Familiengeschichte in Russland abgeschlossen.
